Was sagt die Wissenschaft?

Zahlreiche Studien zeigen, dass das Nervensystem Schmerzen erzeugen kann, ohne dass eine Gewebeschädigung vorliegt - und dass Heilung durch neue Sicherheit und neue Erfahrungen möglich ist.


Schleudertrauma: 

Schleudertrauma-Fakt: Für ein chronisches Schleudertrauma-Syndrom gibt es keine eindeutige strukturelle Grundlage. Die Häufigkeit variiert international und hängt auch davon ab, wie stark das Bewusstsein für die Existenz dieses Syndroms in einer Kultur verbreitet ist.

Epidemiology of whiplash: an international dilemma
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1752751/


Litauen-Studie: Fast die Hälfte der Unfallbeteiligten hatte unmittelbar nach dem Unfall Schmerzen. Nach einem Jahr war ihre Schmerzrate jedoch auf das gleiche Niveau gesunken wie bei Litauern, die nie einen Unfall erlebt hatten.

Pain after whiplash: a prospective controlled inception cohort study
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1736255/

Deutsche Placebo-Autounfall-Studie: 51 Teilnehmer erlebten einen simulierten Autounfall ohne tatsächliche Verletzung. Drei Tage später berichteten 20 % über Nackenschmerzen; 10 % hatten einen Monat später noch immer Beschwerden.

Prevalence of “whiplash” symptoms following exposure to a placebo rear-end collision
https://link.springer.com/article/10.1007/s004140000193


Unfall ohne Verletzung und trotzdem starke Schmerzen

Bauarbeiter-Fall (BMJ): Ein Arbeiter sprang auf einen 15 cm langen Nagel, der seinen Schuh durchbohrte. Der Nagel verlief jedoch zwischen seinen Zehen hindurch, ohne auch nur eine Verletzung zu verursachen. Trotzdem erzeugte sein Gehirn aufgrund der wahrgenommenen Verletzung starke, reale Schmerzen.

The source of “boot nail guy,” a popular medical anecdote about pain without injury/nociception
https://www.painscience.com/biblio/source-of-boot-nail-guy-a-popular-medical-anecdote-about-pain-without-injury-nociception.html


„Auffällige“ MRT-Befunde stimmen meist nicht mit den körperlichen Symptomen überein

New England Journal of Medicine: Bei 64 % der Menschen ohne Rückenschmerzen wurden Bandscheibenvorwölbungen, Bandscheibenprotrusionen, Bandscheibenvorfälle oder degenerative Veränderungen festgestellt.

Magnetic resonance imaging of the lumbar spine in people without back pain
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8208267/

Schweizer Studie: Es wurde kein Zusammenhang zwischen strukturellen Veränderungen wie Bandscheibendegeneration oder Bandscheibenvorwölbungen und den Schmerzsymptomen von Patienten mit chronischen Rückenschmerzen gefunden.

Are "structural abnormalities" on magnetic resonance imaging a contraindication to the successful conservative treatment of chronic nonspecific low back pain?
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16946663/


Radiologische Befunde bei beschwerdefreien Menschen: Veränderungen der Bandscheiben nehmen mit dem Alter auch bei Menschen zu, die überhaupt keine Schmerzen haben. Diese Veränderungen können daher Zeichen des normalen Alterungsprozesses sein und bedeuten nicht zwangsläufig, dass eine Schädigung oder die Ursache der Schmerzen vorliegt.

Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25430861/


Operationen bei chronischen Schmerzen 

Houston VA Medical Center: Bei Patienten mit Kniearthrose zeigte eine arthroskopische Gelenkspülung und Entfernung von geschädigtem Gewebe keine bessere Wirkung auf Schmerzen oder Funktion als eine Placebo-Operation.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12110735/

Failed Back Surgery Syndrome“ (anhaltende Beschwerden nach einer Rückenoperation): Anhaltende Schmerzen nach Wirbelsäulenoperationen sind so häufig, dass es dafür eine eigene Bezeichnung gibt. In einer Studie zur Versteifung der Lendenwirbelsäule hatten 46 % der Patienten nach der Operation die gleichen oder sogar stärkere Schmerzen.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21463472/


Die Rolle des Gehirns bei der Entstehung chronischer Schmerzen

Northwestern-Studie: Forschende konnten allein anhand von Gehirnscans mit einer Genauigkeit von 85 % vorhersagen, wer chronische Schmerzen entwickeln würde.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22751038/

Studie zu Gehirn und chronischen Schmerzen: Als Rückenschmerzen chronisch wurden, verlagerte sich die Aktivität von den üblichen schmerzverarbeitenden Hirnregionen in Bereiche, die mit Lernen und Gedächtnis verbunden sind – ein mögliches Kennzeichen neuroplastischer Schmerzprozesse.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23983029/


Zusammenhang von Angst von dem Schmerz und dem Schmerz

Niederländische Studie: Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, die eine ausgeprägte schmerzbezogene Angst hatten, litten mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit auch sechs Monate später noch unter Schmerzen.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12446259/

Weitere Studien: Dutzende Studien zu Kopfschmerzen, Knieschmerzen, Fibromyalgie sowie Schulter-, Becken- und Nackenschmerzen zeigen ein ähnliches Muster: Je stärker die Angst vor den Schmerzen und ihren möglichen Folgen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Schmerzen bestehen bleiben.

Kopfschmerzen
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9203766/

Knieschmerzen
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/14596737/

Fibromyalgie
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17085772/

Rückenschmerzen
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16540870/

Nackenschmerzen/Rückenschmerzen
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16199189/

Schulterschmerz
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22424914/

Beckenschmerzen
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25124648/

Verschiedene Schmerzen 
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18001239/

 

 


PRT Bei chronischen Rückenschmerzen

PRT – Boulder Back Pain Study: Die Studie zeigte bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen eine deutliche und anhaltende Verringerung der Schmerzen im Vergleich zu Placebo und der üblichen Behandlung. Auch nach dem 5 Jahren Follow up sind die Schmerzen der PRT Gruppe immer noch enorm viel besser als zu beginn und im Vergleich zu den Kontrollgruppen 

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34586357/


Behandlung

Ansatz 1: Die Angst vor den Symptomen reduzieren

WARUM?

Wenn Patienten weniger stark davon überzeugt sind, dass ihre Schmerzen auf eine körperliche Schädigung zurückzuführen sind, können sich ihre Schmerzen verbessern.

Knie Schmerz
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24691626/ 

Knie Arthroskopie

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29239772

Chronische Schmerzen des unteren Rückens

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25729460/

 

Die Reduktion von schmerzbezogener Angst kann sowohl die Schmerzen als auch die damit verbundenen körperlichen Einschränkungen verringern.

Chronische Schmerzen des unteren Rückens

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16618470

Post Traumatische Nackenschmerzen 

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/?term=%22Reduction+of+pain-related+fear+and+disability+in+post-traumatic+neck+pain%2


Exposition: Angst überwinden durch neue Erfahrungen

Exposition: Um eine Angst zu überwinden, muss man sich schrittweise mit dem auseinandersetzen, was Angst auslöst.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34562/

Korrigierende Erfahrungen: Während der Konfrontation mit dem gefürchteten Reiz Sicherheit zu erleben, ermöglicht dem Gehirn neue, korrigierende Erfahrungen.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/2871574

Retraumatisierung vermeiden: Wenn die Exposition ein starkes Gefühl von Gefahr auslöst, kann dies zu Rückschritten führen und die Angst verstärken. (Texas-Agoraphobie-Studie)

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22486408

 


Somatic Tracking zur Schmerzreduktion

 Achtsamkeit: Den Empfindungen aufmerksam zu begegnen, ohne Angst oder Bewertung, kann Angstnetzwerke deaktivieren und die Aktivität der Amygdala reduzieren.

Mindful attention to breath regulates emotions via increased amygdala–prefrontal cortex connectivity.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27033686/ 

"Comparative evaluation of group-based mindfulness-based stress reduction and cognitive behavioural therapy for the treatment and management of chronic pain.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30705039/

 Neubewertung von Sicherheit: Dem Gehirn bewusst Signale der Sicherheit zu vermitteln, kann Angst deutlich verringern. Negative Gedanken können die Schmerzempfindlichkeit erhöhen, während Botschaften der Sicherheit sie reduzieren können.

Positive Emotionen fördern: Wenn Menschen in einer leichteren und positiveren Stimmung sind, können sie schmerzbezogene Angst besser überwinden.

Vermeidungsverhalten: Wenn es gezielt und strategisch eingesetzt wird, kann Vermeidung ein hilfreiches Instrument sein. Sie kann Rückschläge minimieren und Patienten dabei helfen zu erkennen, dass sie jederzeit eine Möglichkeit haben, eine belastende Situation wieder zu verlassen.


Bücher/Hörbücher

Unlearn Your Pain

The Science of Recovering from Chronic Pain, Fatigue, Anxiety, and Depression 

von Howard Schubiner, 2026

Buch und Hörbuch auf Englisch

 

Wege aus dem Schmerz/ The Way Out

The Revolutionary, Scientifically Proven Approach to Heal Chronic Pain

Alan Gordon

Buch: Deutsch 2023/ Englisch 2021

Hörbuch: Englisch 2021


Die moderne Schmerzforschung bestätigt: Das Gehirn kann sich irren - und es kann neues Verhalten lernen

Neue Erfahrungen, Sicherheit und Vertrauen helfen dem Nervensystem, aus dem Alarmzustand herauszukommen und sich zu regulieren